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                                        Der geheimnisvolle Ring

 

Gibt es etwas Langweiligeres als Basketball? Ich hasse diese Sportart. Jedes Mal stehe ich nur dumm auf dem Spielfeld herum und tue so als würde ich voller Elan dem Ball hinterher jagen, dabei weiß ich doch selber ganz genau, dass ich erstens zu klein bin, um den Ball zu fangen und zweitens einfach zu langsam für dieses Spiel bin. Hinzu kommt, dass ich einfach nicht richtig werfen kann und dafür jedes Mal von meinem Team angemeckert werde.

Heute war wiedermal so ein Tag. In den Stunden davor, musste ich die ganze Zeit an den bevorstehenden Sportunterricht denken. Was mir wohl dieses Mal wieder bevorstehen würde? Ich spielte schon mit dem Gedanken einfach zu sagen, dass ich mich nicht gut fühle und gerne nach Hause gehen würde, aber dass hätte mir vermutlich niemand abgekauft, da jedem bekannt ist das ich eine Basketballniete bin. Ich schlenderte also tapfer zur Sporthalle. Wie immer durften zwei von uns ihr Team auswählen und wie immer war ich zusammen mit Karla Benton, die stark schielt und deshalb ständig in die falsche Richtung läuft, übrig geblieben. Wie sonst auch, diskutierten die anderen laut, wen sie noch in ihren Team wählen sollten. Eigentlich wäre es ihnen glaube ich lieber gewesen, wenn sie ohne uns beiden hätten spielen können, doch das hätte unser Lehrer Heer Klausen garnicht gut gefunden. Ich war mir dieses Mal ganz sicher, dass sie mich vor Karla wählen würden, da sie heute noch nicht einmal ihre Brille trug, weil sie ihr runtergefallen war und dadurch die Gläser zersplittert waren. Ich wollte schon zu dem Team von Tom Miller gehen, als dieser sagte, dass er Karla wählt. Fassungslos blieb ich mit offenem Mund stehen. Hatte ich das gerade etwa richtig verstanden? Sie wählen tatsächlich die fast blind Karla Benton lieber als mich? Die Wut stieg in mir hoch. Ich warf Tom und seiner Mannschaft einen tödlichen Blick zu und ging zu der Gruppe von Henry Peters. Noch immer außer mir, beschloss ich heute wirklich Mal mein Bestes zu geben, um allen zu beweisen, dass ich um Klassen besser spielen kann als eine schielende Karla Benton. Ich war so hochmotiviert, dass ich von der ersten Sekunde des Spiels den Ball hinterher jagte. Es musste doch selbst für mich möglich sein auch Mal einen Korb zu machen. Zu meiner Verwunderung warf Tina Webber den Basketball zu mir. Zuvor hatte mir noch nie jemand den Ball zugeworfen, sondern er fiel mir ständig zufällig in die Hände. Nun war mein großer Moment gekommen. Ich stand direkt vor dem Korb und wollte den Ball gerade hineinwerfen, als sich Tom Miller plötzlich vor mir stellte und versuchte mir den Basketball wieder abzunehmen. Er fuchtelte wie wild mit seinen Armen herum und seine Augen waren rot unterlaufen. Auf einmal Spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem linken Arm. Meine Augen traten weit hervor, als ich sah dass Toms Zähne sich in die Haut meines Armes bohrten. Vor Schmerzen schreiend, zog ich meinen Arm weg und sah mich um. Nun starrten mich auch alle anderen finster und hungrig an. Kurz darauf spürte ich wieder einen pochenden Schmerz, aber dieses Mal an meinem Kopf.

Ich fühlte nur noch, wie sich mein Kopf von den Schultern löste und von den anderen hin und her geworfen wurde, bis er schließlich im Korb landete.

 

Kreischend und schweißgebadet wachte ich auf und stellte fest, dass alles zum Glück nur ein Traum gewesen war. Doch der wahre Alptraum fing jetzt erst an.

Ich zog mich an und ging hinunter in die Küche, wo auch schon ein riesiger Schokoladenkuchen mit 14 bunten Kerzen und weißer Zuckergussglasur, mit der mein Name Sarah geschrieben war, auf mich wartete. Mama und Papa saßen bereits am Küchentisch und gratulierten mir herzlich. Voller Freude pustete ich die Kerzen aus und wünschte mir was. Danach packte ich alle meine Geschenke aus und aß zwei große Stücke von meinem Geburtstagskuchen. Am Nachmittag klingelte es an der Tür. Ich fragte mich, wer dass wohl sein könnte, denn meine Geburtstagsfeier mit meinen Freunden war erst für die nächste Woche geplant. Neugierig öffnete ich die Tür. Eine alte Frau mit einem riesigen schwarzen Hut, der ihr Gesicht verdeckte, stand vor der Tür. Als die Frau ihre knochige alte Hand ausstreckte und nach meiner Wange griff, schreckte ich zurück und war gerade dabei die Tür wieder zu zuschlagen, als ich ihr Gesicht erkannte und mir klar wurde, dass es Oma Gertrud war. Freudestrahlend umarmte ich sie und sie gratulierte mir ebenfalls. Ich bat sie herein und wir setzten uns zusammen mit Mama und Papa auf das Sofa im Wohnzimmer. Ich konnte es kaum erwarten Omas Geschenk auszupacken. Oma Gertrud schenkt mir jedes Jahr die verrücktesten Sachen.

Letztes Jahr hat sie mir z.B. einen singenden Tannenbaum geschenkt, obwohl mein Geburtstag mitten im Sommer ist. Ich gebe zu, meine Oma ist manchmal echt merkwürdig, aber gerade das mag ich an ihr so sehr. Mit ihr hat man immer einen Grund zu lachen. Hochgespannt packte ich mein Geschenk aus. Es war eine kleine Schatulle, in der sich ein bunt schimmernder Ring befand. Ich versuchte ihn mir aufzustecken, doch er war mir an jedem Finger viel zu groß und fiel wieder ab. „Ach herrje, passt dir der Ring etwa nicht Sarah?“, fragte meine Oma. Ich beruhigte sie und erwiderte: „Doch er passt, wenn ich ihn an meinem Daumen trage, siehst du?“. „Na dann ist ja gut, denn ich kann den Ring nicht mehr umtauschen. Du musst wissen, ich habe ihn in meinem Karibikurlaub in einem ulkigen Souvenirladen gekauft und dahin kann ich nicht einfach wieder zurückfliegen, verstehst du?“. „Na das brauchst du ja auch nicht, er passt mir schließlich auch so und es ist doch was Besonderes den Ring nicht wie alle anderen an dem Ringfinger zu tragen“, sagte ich zu ihr. „Ja da hast du recht, schön das dir mein Geschenk gefällt“, antwortete Oma Gertrud und erzählte uns allen ganz ausführlich von ihrem spannenden Urlaub in der Karibik.

                                               

Kurz bevor Oma wieder nach Hause fahren wollte, sagte sie zu mir: „Ach Mensch, dass habe ich ja ganz vergessen zu erwähnen. Sarah dein Ring ist kein gewöhnlicher Ring. Er ändert seine Farbe, je nach deiner Stimmung. In der Schatulle müsste noch ein Zettel sein, auf dem steht, was welche Farbe bedeutet.“ „Oh ja, jetzt fällt es mir auch auf“, sagte ich.

Oma Gertrud verabschiedete sich von uns und ich suchte nach dem besagten Zettel. Da ist er ja. So dann wollen wir mal sehen was grün bedeutet. Glücklich. Also das wundert mich jetzt aber. Ich hätte nicht gedacht, dass überhaupt etwas davon zutreffen würde. Mal sehen, was die anderen neun Farben bedeuten. Traurig, ängstlich, nervös, entspannt, verliebt, besorgt, überrascht, gereizt und nichts. Nichts? Schwarz bedeutet nichts?! Das ist aber komisch! Wie soll sich nichts denn anfühlen? Na ja, es ist eben nur ein Ring, der wahrscheinlich einfach auf die Körpertemperatur reagiert. Das hat nichts mit Hokus Pokus oder so zu tun, aber schön finde ich ihn trotzdem.

 

Gegen 1:00 Uhr nachts weckte mich ein dumpfes Geräusch. Ich blickte aus dem Fenster, doch ich sah nichts vor lauter Dunkelheit. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte. Alles schien so still zu sein. Plötzlich hörte ich erneut ein Geräusch. Dieses Mal war es eine Art Kratzen, dass ich direkt in meiner Nähe wahrnahm, doch woher kam es? Mein Ring war mittlerweile von einem überraschten Lila zu einem ängstlichen Grau gefärbt. Ich sah nochmals aus dem Fenster und erblickte die Umrisse einer schwarzen Gestalt, die direkt vor meinem Fenster zu schweben schien. Wie einen großen Schatten, sah ich sie plötzlich in meinem Zimmer umherfliegen. Mein Herz raste und ich bekam kaum noch Luft. Das ist doch nicht möglich! Ich versuchte meine Eltern zu Hilfe zu rufen, doch alles was aus mir herauskam war ein verzweifeltes Krächzen. Starr vor Schreck sah ich das unheimliche Wesen auf mich zufliegen. Vor lauter Angst schloss ich meine Augen und zählte bis 10, da ich hoffte, dass ich mir doch alles nur einbildete und der Geist wieder verschwinden würde. 10. Ich öffnete meine Augen wieder und blickte mich um. Der Geist war verschwunden. Es war doch alles nur eine Einbildung. Ich wollte mich gerade wieder hinlegen, als ich an meinem Fußende des Bettes zwei glühende gelbe Augen erblickte, die mich finster anstarrten. Es waren die Augen des Geistes, der erneut versuchte zu mir zu gelangen, doch er blieb auf einmal stehen und sah auf meinen Ring. Nun konnte ich sein skelettartiges Gesicht erkennen, welches wütend aussah. Er schien sich über irgendetwas zu ärgern. Dann verzog sich sein Mund zu einem höhnischen Grinsen und er verschwand durch eine graue Nebelwolke.

 

Ich konnte die ganze Nacht nicht richtig schlafen, so dass ich am nächsten Morgen todmüde aufwachte. Noch immer dachte ich über die Ereignisse der vergangenen Nacht nach. Alles erschien mir so absurd, dass ich an der Echtheit zweifelte. Also entweder habe ich auf einmal völlig den Verstand verloren oder es war alles nur ein böser Alptraum, dachte ich mir. Wie kann ich nur die Wahrheit herausfinden? Plötzlich kam mir eine Idee. Der Ring. Für gewöhnlich, lege ich meinen Schmuck immer ab, wenn ich schlafen gehe, doch in meinem „Traum“ trug ich den Ring an meinem Daumen. Ich sah meine Hand an und stellte mit erschrecken fest, dass der Ring noch immer an meinem rechten Daumen steckte.

Das kann doch nicht sein! Ich war mir wirklich ganz sicher, dass ich ihn vor dem Schlafengehen abgelegt hatte. Nun fing ich entgültig an, an meinen Verstand zu zweifeln. Dann war alles doch echt gewesen?! Oder bin ich vielleicht einfach eingeschlafen und habe vergessen den Ring vorher abzulegen?

Ich dachte scharf nach. Mir war klar, dass sich das alles total verrückt anhörte. Doch warum nur war der Geist wieder verschwunden, nachdem er meinen Ring gesehen hatte? Hatte der Ring etwa magische Kräfte? Ich sah mir nochmals den kleinen Zettel an, der bei meinem Ring mit bei war. Vielleicht würde auf ihn etwas über das gruselige schwarze Schattenwesen stehen. Ich sah mir den Zettel von allen Seiten an, aber ich konnte keinen einzigen Hinweis finden. Doch dann entdeckte ich, dass eine Seite des Zettels ein wenig geknickt war und es den Anschein machte, als würde sich etwas dahinter verbergen. Und tatsächlich, hinter der vorderen Seite des Zettels befand sich eine weitere Seite. Jedoch stand auf ihr genau das Selbe wie auf der Vorderseite. Ich wollte den Zettel gerade wieder weglegen, als ich bemerkte, dass der hintere Zettel doch nicht so wie der vordere war. Auf dieser Seite hatte die Farbe schwarz eine andere Bedeutung. Sie stand für den Tod. Das ist einfach unmöglich, sagte ich zu mir selbst. Ich habe noch nie einen Fall gehört, bei dem jemand gestorben ist, weil er einen Stimmungsring trug. Bestimmt ist das alles nur ein Scherz. Aber ich konnte mir einfach nicht erklären, warum dann die eine Seite hinter der anderen versteckt war und welche von ihnen nun die mit der richtigen Bedeutung war.

 

„Sarah wo bleibst du denn? Du kommst noch zu spät zur Schule“, hörte ich meine Mutter von unten rufen. Ich hatte so lange über den Ring nachgedacht, dass ich dabei die Zeit völlig vergessen hatte. Es war bereits 7:15 Uhr und um 8:30 Uhr fährt mein Schulbus los, ob mit oder ohne mich. Schnell eilte ich ins Badezimmer und zog mich an. Danach kämmte ich meine braunen Wuschellocken vor dem Spiegel  und putzte mir in Eile die Zähne. Die Zahnbürste blieb mir fast im Hals stecken, als ich das finstere Schattenwesen der letzten Nacht direkt hinter mir im Spiegel sah. Das musste eine Halluzination sein. Der Mund der düsteren Gestalt öffnete sich und sprach zu mir: „Schon bald werde ich dich holen. Sobald sich deine Gedanken verfinstern wirst du mir gehören“. Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und dann kam ein erstickter Schrei aus meinem Körper heraus. Ich spürte, wie eine kalte Hand meine Schulter berührte.

„Sarah?! Geht es dir nicht gut?“ Ich drehte mich um und sah, dass mein Vater direkt hinter mir stand. „Papa wie lange stehst du schon da?“, fragte ich ihn mit heiserer Stimme. „Entschuldige, ich bin eben erst ins Badezimmer hereingekommen und wusste nicht, dass du noch hier bist“, antwortete er. „Und du hast sonst niemanden hier drinnen gesehen?“. „Nein, wen oder was sollte ich denn noch gesehen haben?“, entgegnete er mir. Wenn ich ihn von dem unheimlichen Gespenst erzählen würde, würde er mich wahrscheinlich für verrückt halten, dachte ich mir. Also beschloss ich es für mich zu behalten. „Ach nichts, ich habe nur vor mich hin geträumt“.

Ich sah auf die Uhr und stellte mit erschrecken fest, dass es schon 8:28 Uhr war. Blitzschnell packte ich meinen Rucksack und lief ohne Frühstück aus dem Haus. Ich raste so schnell ich nur konnte zur Bushaltestelle und hoffte, dass der Bus noch da war. Gerade als ich das Bushäuschen erreichte, fuhr der Schulbus auch schon los. Ich hastete ihm hinterher und rief dem Busfahrer laut zu, dass ich noch mit müsste. Doch er schien mich nicht zu hören, denn der Bus wurde schneller und fuhr davon.

Na ganz toll, dachte ich mir. Was soll ich jetzt machen? Wenn ich zu Fuß gehen würde, würde ich eine Ewigkeit brauchen, da meine Schule in Bloomdale, einer etwas weiter entfernten Stadt, ist und es würde fast aufs Selbe hinauslaufen, wenn ich auf den nächsten Bus warten würde, denn der fährt nur jede Stunde.

Ich stand da, sah auf meinen braun-orange gefärbten Ring, der Besorgtheit und Nervosität symbolisierte, und überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte. Auf einmal sah ich wieder das Gesicht des Geistes vor mir, wie es mich voller Boshaftigkeit angrinste. Zu meiner Verwunderung verschwand es aber dieses Mal wieder genau so schnell, wie es erschienen war. Noch immer geschockt, fasste ich den Entschluss diesen Morgen zu nutzen um mehr über die schwarze Gestalt und den Ring herauszufinden und heute mal nicht zur Schule zu gehen. Denn schließlich ging es für mich um Leben und Tod und dieser Spuk musste endlich aufhören.

 

Ich machte mich auf den Weg zur Bücherei und setzte mich gleich an einem PC. Ich fand tausende von merkwürdigen bis hin zu lustigen Webseiten, doch keine einzige von ihnen hatte auch nur im Entferntesten etwas mit meinem Stimmungsring zu tun. Ich suchte weiter nach der schwarzen Gestalt und schon bald entdeckte ich eine passende Seite. Auf ihr war sogar ein Bild der Gestalt abgebildet, dass genau so aussah, wie die Gestalt die ich gesehen hatte. Ich schnappte nach Luft und las mir den Text durch. Die Gestalt mit der ich es zu tun hatte, war nicht irgendeine Gestalt. Es war der Wächter des Todes. Der Sensenmann. Er erscheint den Todgeweihten, um ihren baldigen Tod anzukündigen und sie auf den Übergang in die Unterwelt vorzubereiten. Alles an mir zitterte bereits vor Angst, doch ich zwang mich dazu weiter zu lesen. Der Legende nach holt sich der Sensenmann die Seelen derjenigen, die von Hass erfüllt sind und abgrundtief Böse sind. Aber warum erscheint er dann auch mir, fragte ich mich. Ich habe doch nichts Schlimmes getan. Gut, ich ärgere hin und wieder kleine Kinder und höre nicht immer auf meine Eltern, aber habe ich es dafür gleich verdient vom Sensenmann in die Hölle entführt zu werden? Es muss noch einen anderen Grund geben. Ich setzte das Lesen wieder fort und fand zusätzlich heraus, dass in einigen Fällen der Sensenmann auch durch verfluchte Gegenstände herbeigerufen werden kann und das bisher noch kein Weg bekannt ist, wie man ihn aufhalten kann.

Todesangst stieg in mir auf und ich musste so sehr mit den Tränen kämpfen, dass sich mein Ring in ein trauriges Blau färbte. Was um alles in der Welt soll ich jetzt nur machen? Nun wurde mir allmählich klar, dass es vielleicht doch alles echt war. Ich musste den Sensenmann unbedingt wieder loswerden, aber wie?

 

Ich überlegte und überlegte, doch mir fiel nicht ein, warum der Sensenmann es ausgerechnet auf mich abgesehen hatte. Seit meinen Geburtstag habe ich ihn gesehen, aber warum? Was war ab diesem Tag anders als zuvor. Ich war ein Jahr älter geworden, aber ich glaube nicht, dass der Sensenmann es plötzlich auf kleine 14 jährigen Mädchen abgesehen hatte. Es muss noch einen anderen Grund geben. Da ging mir ein Licht auf. Der Ring. Es musste der Ring sein. Schließlich reagierte der Sensenmann in der letzten Nacht auch so merkwürdig auf ihn. Auf einmal dachte ich wieder an die Rückseite des Zettels vom Ring und an die Worte des Sensenmanns, dass er mich holen würde, wenn sich meine Gedanken verfinstern. Doch was könnte er damit gemeint haben? Endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Bis jetzt ist der Sensenmann jedes Mal aufgetaucht, als sich mein Ring verfärbte und dies geschah als ich negative Gedanken hatte. Also liegt es an der Farbe des Ringes, dass der Sensenmann erscheint. Vermutlich hat er mich in der Nacht noch nicht holen können, weil mein Ring nicht schwarz wie der Tod gefärbt war. Wenn ich also stattdessen versuchen würde positive Gedanken zu haben, hätte er keinen Grund mehr mich mitzunehmen. Nur wie stelle ich das an, dass ich immer gut gelaunt bin? Das ist doch unmöglich! Es muss noch einen anderen Weg geben. Irgendeinen. Da kam mir eine Idee. Ich muss Oma Gertrud fragen. Aber wie sollte ich das anstellen? Nach Hause konnte ich noch nicht gehen um sie anzurufen, da ich eigentlich noch in der Schule sein müsste und meine Mutter sofort bemerken würde, dass etwas nicht stimmt. Mein Handy hatte ich nicht mit, also musste ich eine Telefonzelle benutzen. Sofort suchte ich eine und rief Oma an: „Hallo Oma Gertrud! Hier ist Sarah. Kannst du mir vielleicht noch mehr über den Ring erzählen, den du mir geschenkt hast?“. „Oh, hallöchen meine Kleine. Du klingst ja ganz aufgeregt. Immer mit der Ruhe! Du möchtest noch mehr über den Ring erfahren? Nun, ich habe dir doch schon alles erzählt. Ich habe ihn von einem alten Souvenirladen aus der Karibik“. „Ja, aber war dort irgendetwas Ungewöhnliches oder so?“, fragte ich sie hysterisch und verzweifelt. „Na du stellst mir aber komische Fragen. Lediglich der Mann, der mir den Ring verkaufte schien etwas sonderbar zu sein, da er mir ständig seine tollen Sonderangebote angepriesen hat und dabei einen skurrilen Eindruck auf mich machte, aber sonst war alles ganz gewöhnlich, abgesehen davon, dass er meines Erachtens den Ring viel zu teuer verkauft hat“, erzählte mir meine Oma. „Ähm, du hast nicht zufällig die Telefonnummer dieses Verkäufers, oder? fragte ich sie. „Oh doch, ich habe die Quittung noch aufgehoben, auf der die Nummer des Ladens steht“. Oma Gertrud sagte mir die Telefonnummer, die ich notierte und dann bedankte ich mich bei ihr für ihre Hilfe und musste ihr versichern, dass es mir gut geht, da sie sich Sorgen um mich machte, obwohl das eigentlich gelogen war, denn ich hatte ernsthafte Angst um mein Leben.

Ich wählte die Nummer des Souvenirladenbesitzers aus der Karibik und hoffte, dass ich ihn erreichen würde. Nach einem längeren Tuten meldete sich endlich eine Männerstimme: „¡Diga! Lumbago, tienda de recuerdos. ¿Con quien hablo?“. Leider verstand ich kein einziges Wort des Mannes. Ich könnte nur heraushören, dass er Spanisch sprach. Das hatte mir meine Oma vorher unglücklicher Weise nicht erzählt. Trotzdem versuchte ich ihn in meiner Sprache verständlich zu machen, dass ich in sehr großen Schwierigkeiten steckte und dringend wissen müsste, wie ich den Fluch des Ringes bzw. den Sensenmann wieder loswerden kann. Anscheinend hatte der Mann einige meiner Wörter verstanden, denn er versuchte mir zu antworten. „Ring nicht gut ist. Ist böser böser Ring, der kann machen dich tot. Du besser nicht tragen, sonst du bald tot wie Leiche“. Na ganz toll, dachte ich mir. Hätte mir das nur mal einer früher gesagt, dachte ich im Stillen und warum verkauft dieser Mann solche Ringe, wenn er das finstere Geheimnis von ihnen kennt? Der Ladenbesitzer fing wieder an zu reden: „Wenn du wollen Ring wieder loswerden du mussen…….tuuuuut“. „Nein!!!“, schrie ich laut. Da das Telefonat ein Ferngespräch war, kostete eine Minute telefonieren mehr als üblich und ich hatte kein Geld mehr, um das Gespräch fortführen zu können. Ich hatte jetzt schon bereits mein ganzes Taschengeld für dieses Telefonat opfern müssen und meine Eltern würden mich vermutlich noch vor dem Sensenmann umbringen, wenn ich es nochmal von zu Hause aus versuchen würde.

 

Ich hatte an die kompliziertesten und waghalsigsten Sachen nachgedacht, um den Fluch und somit auch dem Sensenmann zu entkommen, doch an das vermeintlich Einfachste hatte ich bisher noch nicht gedacht. Ich musste den Ring doch einfach nur abnehmen. Voller Kraft und Gewalt zog ich an ihm, aber er löste sich keinen Zentimeter von meinem Daumen. Da es mittlerweile spät genug war, um wieder nach Hause gehen zu können, lief ich heim und fettete meinen Daumen mit allen möglichen Flüssigkeiten ein, damit er abflutscht, doch nichts half. Inzwischen war mein Daumen schon ganz rot angelaufen und ich spürte, dass er schmerzte. Es war Hoffnungslos. Dies war meine letzte Hoffnung gewesen. Ich war mit meinen Nerven völlig am Ende. Trotz alle dem, musste ich versuchen positive Gedanken zu haben, damit sich der Ring nicht entgütig schwarz färbte. Im Moment war er rot-blau-orange gefärbte mit einem gefährlichen Hauch von dunkelgrau. Dies bedeutete, dass ich gereizt, traurig, nervös und ängstlich war und das stimmte leider voll und ganz auf mich zu.

 

Mit leeren Augen saß ich mit meiner Familie beim Abendessen und dachte, dass dies mein letztes Mahl sein könnte. Das Letzte Mal, dass ich bei Mama und Papa sein kann, bevor ich sterbe. Ich hätte den letzten Moment eigentlich genießen sollen, aber angesichts der Tatsache, was mir früher oder später bevorstehen würde, konnte ich keine Wort sagen und kein Bissen hinunterschlucken. Ich musste mich aber damit abfinden, dass es für mich kein Entkommen gibt. Ich hätte niemals gedacht, dass alles so enden würde.

Meine Eltern bemerkten, dass es mir nicht gut ging und ich sagte ihnen, dass ich mich nicht fühle und deshalb jetzt schon ins Bett gehen würde.

Ich verabschiedete mich von ihnen, mit dem Bewusstsein, dass dies ein Abschied für immer war und ging in mein Zimmer.

 

 

Nun konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich werde sterben und keiner würde je den wahren Grund meines Todes erfahren. Ich konnte einfach niemanden davon erzählen, da ich mir ganz sicher war, dass sie mich hundertprozentig alle für total verrückt und geisteskrank halten würden. Wer sollte mir diese „Geschichte“ schon glauben? Ich würde sie ja selber noch nicht einmal glauben, wenn sie mir jemand erzählen würde. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen und dann färbte sich zu allem Unglück auch noch mein Ring tief dunkelgrau. Nun kreiste ein riesiger schwarzer Schatten um mich herum, der immer größer zu werden schien. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Ring pechschwarz ist.

Dann war es so weit. Der Ring war so schwarz, wie die finsterste Nacht.

 

Zuerst sah ich seine glühenden gelben Augen, dann sein skelettartiges Gesicht, und was mir die meiste Angst bereitete, seine große scharfe Sense, die er vor sich herschwang. Meine Beine fühlten sich plötzlich wie Wackelpudding an, aber ich wusste, wenn ich jetzt stehen bleiben würde, würde er mich sofort mit seiner Sense töten und in die Unterwelt schleifen. Also rannte ich um mein Leben. Ich rannte so schnell, dass mein Atmen und meine Herzschläge immer unregelmäßiger wurden. Ich lief die Treppe im Eiltempo hinunter und stolperte fast die letzten Stufen hinunter, dicht gefolgt vom Sensenmann. Mit einem großen Sprung erreichte ich die Hintertür zum Garten. Ich hatte die Hoffnung dem Sensenmann, doch irgendwie entkommen zu können, doch dann stolperte ich direkte neben Papas Säge. Der Sensenmann grinste teuflisch und flog direkt auch mich zu. Im letzten Moment kam mir eine rettende Idee. Der Sensenmann stand nun direkt vor mir und schwang seine Sense in Richtung meines Kopfes.

Und dann zog mein Leben an mir vorbei…

 

Eine Woche später wachte ich im Krankenhaus wieder auf. Ich hatte überlebt und war dem Sensenmann entkommen. Mama, Papa und Oma besuchten mich und brachten mir kleine Gute Besserungsgeschenke vorbei. Ich war überglücklich und hätte die ganze Welt umarmen können.

Mein Leben hat sich soweit verändert, dass ich nun sicherheitshalber keinen Schmuck mehr trage und mir die Sachen, die ich geschenkt bekomme vorher sehr genau angucke, bevor ich sie annehme.

 

Du wirst dich wundern, doch etwas Gutes hat dieser ganze Alptraum doch gehabt. Mein Geburtstagskerzenwunsch hat sich erfüllt, denn ich muss von nun an nie wieder Basketball spielen, da sich meine Lehrer alle einig sind, dass es mit neun Fingern einfach zu schwierig für mich ist mit den anderen mithalten zu können.


Von Laura Siemsen (Klasse 8b)